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"Wie kannst du bei diesem Wetter nur lesen?"

"Wie kannst du bei diesem Wetter nur lesen? Ist dein Gehirn von der Sonne noch nicht matsche??" begann eine Frau ein Gespräch gestern mit mir an der Bushaltestelle, als ich auf dem Heimweg von meinen Kindern war.


Es war ein wirklich langer Tag. Ich war schon seit 8 Uhr morgens unterwegs, weil ich jeweils ca. 3,5h Hin- und 3,5h mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückfahre, seitdem ich kein Auto mehr habe.


An so einem heißen Tag wie gestern war das schon recht herausfordernd. Ich bin ein sehr geruchs- und geräuschsensibler Mensch.

Mit meiner Musik und meinen Büchern bin ich immer ganz gut abgelenkt, auch wenn es gestern schwer war, meine Ohren zwischendurch gegen die unverschämten, sehr lauten WM- feiernden Menschen zu schützen. Dabei musste ich an die japanische Bevölkerung denken, die im öffentlichen Raum aus Respekt anderen Gegenüber lautstarkes Sprechen und Lachen vermeidet. Insgeheim wünschte ich mir gestern sehr, wir hätten japanische Verhältnisse in unserem Land :-D

Aber naja, es gibt schlimmeres.. diese Menschen hatten scheinbar ihre Art von Spaß, auch wenn dieser Spaß im Außen gesucht wurde, durch Konsumierung von Mengen an Alkohol und Belustigung durch sportliche Aktivitäten, die sie nicht selbst ausübten.

Meiner Meinung entsteht echter Spaß erst dann, wenn du ihn selbst erzeugst, mit deinem eigenen Gehirn und deinem eigenen Körper. Das waren so Gedanken, die mir dabei in den Kopf schossen. Ich konzentrierte mich auf den Fahrten weiter auf mein Buch. Ich las gerade "das Naturkind" von Voltaire und musste mehrmals herzlich lachen.. mehr innerlich als äußerlich... nach japanischer Kultur eben ;-))


Jedenfalls war ich am Abend schon relativ erschöpft, aber mit so viel guter Energie durch meine Kinder erfüllt, als ich die Bushhaltestelle erreichte. Gegenüber sah ich eine Frau in herrlich bunter Kleidung und so geschmackvoll aufeinander abgestimmt. Es schmeichelte ihrer schönen dunklen Haut. Ich dachte noch: "Wow, diese Frau ist wunderschön angezogen, wie toll sie aussieht!" Und dass ich heute mit meinem schwarzen Kleid völlig falsch angezogen bin bei diesem Wetter.


Kurze Zeit später sprach sie mich mit den obigen Sätzen an der Haltestelle an.

Ich nahm meine Kopfhörer ab, blickte sie an und sie begann zu erzählen..

Sie sagte, dass sie nicht gemacht wäre für das Leben auf Asphalt. Die Farbe Schwarz ziehe die Sonne an. Doch sie kann diese ganze Energie auf Asphalt überhaupt nicht wieder abgeben. Sie wäre ursprünglich für den Busch gemacht, aus dem sie kam und müsste ihre Energie wieder an die Erde abgeben. Hier wäre das aber unmöglich.

Ich sollte auch besser keine schwarze Kleidung bei diesem Wetter tragen.

Sie erzählte, sie entstammte einem Naturvolk (was las ich gerade nochmal??), dessen Name ich mir leider nicht merken konnte. Sie sah zum Himmel und sagte: "Sogar die Sonne hasst mich!"

Sie sprach abwechselnd in perfektem Deutsch und Englisch und erzählte mir dabei ihre Geschichte, wie sie in einer Art - ich möchte jetzt nichts falsches sagen - aber für mich hörte es sich an wie eine Art Kloster für Mädchen oder Kinder diesen speziellen Stammes. Sie wurde als Kind bereits gepeinigt, kassierte Tritte und Schläge wenn sie nicht schnell oder gut genug war. Vor allem sportlich im Laufen wurde sie wohl sehr angespornt darin die Beste sein zu müssen.

Sie spricht 6 Sprachen!

Sie erzählte mir, wie sie ihr Leben lang gegen Rassistische Anfeindungen kämpfen musste, sexuelle Übergrifflichkeiten erleben musste und noch weitere wirklich sehr traurige Geschichten über große Verluste und Ungerechtigkeiten. Sie fühlte sich ebenso ohnmächtig und wütend gegenüber anderen Völkern, die in Deutschland so viel schneller angenommen werden, mit weniger Hürden, nur weil sie eine andere Hautfarbe haben.


Ich war von all ihren Geschichten regelrecht sprachlos und auch fassungslos. Gerne hätte ich ihr etwas Aufbauendes oder Aufmunterndes gesagt, aber ich hörte ihr aufmerksam zu.


Manchmal brauchen Menschen auch einfach nur ein Ohr.

Jemand der sie HÖRT, der sie SIEHT, der sie NICHT VERURTEILT, der ANTEILNAHME nimmt.

Also hörte ich ihr weiter zu und schenkte ihr meine Postkarte mit der Aufschrift " Du bist ein wunderschöner Mensch"


Ich muss immernoch über ihre Lebensgeschichte nachdenken, es hat mich sehr berührt. Vor allem bin ich dankbar, dass Sie mir dieses Vertrauen geschenkt hat.

Sie ist wohl die stärkste Frau, der ich jemals begegnet bin. Was für eine Aura diese Frau hatte!

Gerne hätte ich ihre einzigartigen Gesichtszüge gemalt, ging mir durch den Kopf, während sie mir ihre Geschichte erzählte.. da kam die Künstlerin in mir durch :-D


Beim Aussteigen aus dem Bus war sie emotional sehr aufgewühlt, vielleicht auch etwas verwirrt, weil sie nervlich einfach am Boden war von all den aktuellen Geschehnissen in ihrem Leben, die sie mir gerade in kürzester Zeit anvertraute. Sie verpasste beinahe ihren Ausstieg. Die Tür im Bus wurde erst nicht geöffnet, dann doch, und jedes Mal wenn sie gerade aussteigen wollte, schloss sich die Tür aber wieder, das wiederholte sich ein paar Mal. Menschen begannen zu lachen. Sie stieg aus.

Viele Männer lachten laut.

Das machte mich so wütend, also nahm ich meinen Mut zusammen und rief laut durch den Bus: "Sie lachen gerade über eine Frau die zwei Kinder verloren hat!!!"

Der Bus verstummte.


Wir wissen nie, was der Mensch gegenüber gerade durchmacht. Wir sollten alle miteinander viel achtsamer und respektvoller umgehen, und vor allem freundlicher und sanfter.


Ich finde Männer übrigens auch gleich sehr viel attraktiver, je hilfsbereiter und respektvoller sie sich (nicht nur) im Bus gegenüber anderen Menschen zeigen. Leider eine seltene, aber wertvolle Spezies. Gentle - Männer.


Während mir diese Begegnung noch so stark im Gedächtnis geblieben ist, denke ich darüber nach, wie wenig wir Menschen miteinander noch kommunizieren. Fremde Menschen an Bushaltestellen, die sich anschweigen, anstatt sich nett miteinander zu unterhalten und sich die Zeit zu vertreiben.


Inzwischen fahre ich so häufig Bus- und Bahn, dass ich so viele verschiedene Menschen sehe, darunter auch oft viele einsame Menschen. Ich möchte mir vornehmen, immer öfter mit Menschen in Kontakt zu treten. Manchmal reicht vielleicht auch einfach ein freundliches "Hallo" und ein Mensch fühlt sich GESEHEN.

Vielleicht entsteht dadurch ein kurzes Gespräch und der Mensch fühlt sich GEHÖRT.


Lasst uns doch alle wieder mehr gegenseitig HÖREN und SEHEN.

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Liebe E., falls du durch die Postkarte auf meine Seite stößt und diesen Blogbeitrag hier liest, schreib mir doch ruhig mal eine Email. Ich würde mich sehr freuen von dir zu hören und zu erfahren, wie es dir weiter ergangen ist.

Ich hoffe, dass sich alles bei dir zum Guten wenden wird, und falls du möchtest, male ich gerne ein Portrait von Dir.

Frauen wie Du, sollten für die Menschheitsgeschichte festgehalten werden!

Vielleicht schreibst du auch selbst irgendwann deine Lebensgeschichte auf.

Ich finde sie sehr faszinierend - eine Geschichte die gehört werden müsste!

Du bist eine so starke Persönlichkeit, hochintelligent, ich habe das Gefühl, dass du für etwas Großes geschaffen bist! Glaub an Dich!!

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