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ANALOG- Wer kennt es noch?

Aktualisiert: 1. Apr.



Je mehr ich mich mit dem Leben der Philosophen aus alter Zeit beschäftige und deren Worte und Gedanken lese, desto mehr sehne ich mich wieder nach einem analogen Leben zurück. Es ist ein richtiges, fast schon wehmütiges Sehnen mit einem dickem fettem Seufzer dahinter. Ach... Voltaire ist auch ein bisschen Schuld daran. Aber er ist nicht der erste Philosoph, mit dem ich mich beschäftigte.


Mein erstes philosophisches Buch las ich im September 2024 von Paul Watzlawik. Sein Humor packte mich sofort und dieses Buch verhalf mir in meinen schlimmsten Stunden meinen Humor und meinen Mut, meinen Willen und meine Würde nicht zu verlieren.

Es hatte einen solch großen Einfluss auf mich, dass ich mir danach den Begriff "Summum Bonum" auf meinen linken, von Selbstverletzungen voll vernarbten Arm als mein erstes Tattoo stechen ließ.


Später erwarb ich weitere Bücher von ihm und darf mich auch stolze Besitzerin von ein paar Werken von Kant, Nizsche, Buddah und Epikur nennen. Allerdings habe ich letztere noch nicht bzw. noch nicht vollständig gelesen. Bisher dekorieren sie mein Regal und ich freue mich darauf, wenn die richtige Zeit dafür gekommen ist, sie zu lesen.


Bevor ich von meiner philosophischen Reise weiter erzähle, berichte ich dir noch schnell von meiner Reise nach Leipzig neulich.


Anfang März begab ich mich auf eine Geschäftsreise nach Leipzig. Warum gerade Leipzig fragst du dich vielleicht?

Bodo Wartke, ein für mich bis dato sehr inspirierender Mensch, trat dort im Theater auf und ich ergatterte glücklicherweise noch Karten für die Vorstellungen Ödipus und Antigone.

Da ich bisher leider nicht viel kulturelle Bildung in meinem Leben genießen durfte, war ich sehr gespannt auf die beiden Theaterstücke. Ich kannte die Geschichten noch nicht.


Ich verband das angenehme mit dem Nützlichen und plante dabei eine Geschäftsreise, wählte mir zuvor bestimmte Fachhändler aus, die vielleicht Interesse an meinen Postkarten haben könnten.

Ich überlegte, wie ich mich gerne als Künstlerin präsentieren wollte und gestaltete mir mein Outfit nach Farben.


Somit habe ich meine Kleidung meiner künstlerischen Persönlichkeit angepasst, die ich bereits mit meiner Webseite versuche zum Ausdruck zu bringen. Bunt, hell, fröhlich, freundlich, verspielt, witzig, mutig und farbenfroh.


Ich hatte großes Glück, die richtigen und passenden Sachen u.a. bei Vinted zu finden. Eine schöne, nachhaltige und günstige Option, Kleidung zu shoppen :)

Als ungeduldiger Mensch, konnte ich es aber nicht abwarten, bis die Kleidungsstücke bei mir eintrafen und ließ mir von der KI Bilder erstellen, wie das Outfit insgesamt angezogen aussehen könnte - allerdings als die Version von mir als Comicfigurheldin, die ich mir bereits früher schon erschaffen hatte (siehe meine Fliesenkusntwerke).

Kurz vor den Startlöchern meiner Reise überwand ich die Aufregung durchs Malen und malte mich vor einem Weltladen in meinem neuen bunten Outfit. Die Bilder dazu findest du in meinem Portfolio unter der Kategorie Ölgemälde.


In Leipzig selbst hatte ich den schönsten Kulturschock, den man überhaupt bekommen kann. Eine wunderschöne künstlerische Stadt! Ich konnte mich gar nicht satt sehen, alleine schon beim Anblick der vielen wunderbaren Gebäude.


Ich sog diese Tage nur so in mich auf, obwohl ich mir fast täglich über 10.000 Schritte die Hacken abgelaufen bin :) Ja, ich bin zu Fuß von Händler zu Händler gegangen :)


Zwischendurch habe ich netten Menschen, die ich nach dem Weg gefragt habe, mit Postkarten von mir beschenkt. Es war zunächst eine sehr große Herausforderung für mich, mich so knallbunt auffällig unter die Menschen zu mischen, da ich es mein Leben lang gewohnt war, mich zu verstecken.

Letztendlich hatte es mir sogar Spaß gemacht. Ich hab mich sehr wohl gefühlt, und strahlte es mit Sicherheit auch aus. Ich hab soviel Positive Begegnungen zurückbekommen. Am Tag der Abreise erlaubte ich mir noch, zwei Museen zu besuchen und für meine Kinder schöne Bücher für Ostern zu finden. Dabei stieß ich auf eine wunderbar sortierte antiquarische Buchhandlung (auch online besuchbar: https://antiquariat-thieme.de/).


Dort erstand ich für 5 Euro für mich selbst das Buch "Vorbilder im Denken - 32 Portraits großer Philosophen" von Karl-Dieter Ulke, verlegt vom Kösel-Verlag. Tatsächlich habe ich es noch nicht ganz ausgelesen, um genau zu sein, habe ich sogar noch ein paar Seiten vor mir. Ich versüße mir damit immer die Zeit wenn ich mit dem Bus oder der Bahn fahre und denke dabei auch gerne an die schönen Tage in Leipzig zurück.


Doch ein paar der dort portraitierten Philosophen haben mich gleich so sehr fasziniert, dass ich unbedingt mehr über sie erfahren wollte. Das sind unter anderem Marc Aurel, Voltaire und Kant.

Also machte ich mich auf den Weg zu meiner städtischen Bücherei und fand dort unter anderem ein Portraitband von Voltaire. Leider gab es seine Werke selbst dort nicht.


Das humanistische Portrait von Brunhilde Wehinger (Voltaire - Schriftsteller, Intellektueller, Menschenfreund) erzählt so wunderschön bildhaft vom Leben des Voltaires, dass ich mir sehr viel Zeit dabei lasse es zu lesen, und es richtig genieße immer wieder nebenbei Hintergrundrecherchen zum Leben des Voltaires bzw. der Zeit, in der er selbst lebte und die Zeiten, über die er Theaterstücke schrieb anzustellen, Begriffe nachzuschlagen oder mir meine eigenen Gedanken dazu zu bilden.

Unbedingt wollte ich aber endlich eins seiner Werke selbst lesen, um ein besseres Gefühl für seinen Schreibstil, seine Worte und sein Denken zu bekommen, nachdem ich nun schon einen Eindruck über seine Persönlichkeit als Mensch gewinnen konnte.


"Par Monsieur de Voltaire" - allein dieser künstlerische Name, den er sich selbst gab, liest und spricht sich schon so wunderschön poetisch. Er hätte sich meiner Meinung nach tatsächlich keinen besseren Namen für sich wählen können.


Hmm, aber mit welchem Werk von ihm beginne ich??

Die Frage stellte sich mir nicht lange, denn schon auf Seite 21 des oben erwähnten Portraits wird über die verstorbene Schauspielerin Adrienne Lecouvreur berichtet, die mit Voltaire eng befreundet war und eine außergewöhnlich künstlerisch schöne Persönlichkeit gehabt haben musste. Leider verstarb sie sehr früh an einer Krankheit. Sie war die Hauptdarstellerin in Voltaires Theaterstück "Mariamne". Ihr wurde als Theaterdarstellerin ein christliches Begräbnis verweigert, da Schauspieler in den Augen der Kirche als gottlos und verrucht galten.

Voltaire widmete ihr zu diesem Anlass ein Gedicht, dass "La mort de Madmemoiselle Lecouvreur", indem er die Kirche scharf kritisierte.


Als ich diesen Abschnitt las, war für mich klar, ich musste dieses Gedicht und das Stück "Mariamne" dazu von ihm lesen. Ich fand es in einer Online-Bibliothek in deutsch übersetzt, allerdings in Frakturschrift.


Zwar hatte ich mich bereits als Teenagerin durch mein Hobby der Kalligraphie bereits viel mit den verschiedensten Schriftarten auseinandergesetzt und war auch durch meine zwischenzeitliche Tätigkeit im Stadtarchiv mit vielen alten Schriften vertraut, aber ich war es nicht mehr gewohnt ist, diese Schrift zu lesen, und dann auch noch auf einem Bildschirm. Das war anfangs schon sehr anstrengend und ich brauchte immer wieder eine Pause, aber ich wollte dieses Stück unbedingt (zu Ende) lesen. Mein Ehrgeiz aber vor allem meine Neugierde waren zu sehr gepackt.


Dazu ließ ich mich auf eine andere Sprache ein. Eine Sprache aus der Zeit (1724). Allerdings eine Sprache durch die eines Dichters und Denkers - (aber auch die des Übersetzers). Anfangs war es mir an manchen Stellen für meinen Geschmack zu geschwollen und zu wiederholend, doch je mehr ich davon las, desto mehr packte mich die Geschichte und die Tragik und vor allem diese schöne Ausdrucksweise Voltaires.


Und dann passierte sowas wie Magie.


Als würde ich Voltaires Schönheit seiner Worte fühlen als auch die Spannung, die Verzweiflung, die ganze Tragik der Geschichte. Ich war so richtig mittendrin im Geschehen.

Anfangs recherchierte ich nebenbei immer wieder Hintergrundwissen zu den Personen, bis ich endlich vollständig verstand, um wen es sich genau handelte und wer mit wem und wie in Verbindung stand.


Ganz kurze und knappe Zusammenfassung des Stücks: Mariamne war eine absolut wunderschöne, liebliche, empathische und würdevolle Frau. Gemahlin des Herodes (sein Nachfolger war übrigens der Herodes Antipas, der Jagd auf Jesus machte und Babys ermorden ließ. Grausamkeit vererbt sich wohl weiter..).

Herodes war unglaublich grausam, brachte nach und nach ihre Familienangehörigen um und unterstellte Mariamne immer wieder Untreue.

Seine Schwester Salome spannte Intrigen und setzte ihm diese Gedankenflöhe unentwegt ins Ohr.

Es führte am Ende soweit, dass er sie von seiner Eifersucht zerfressen, umbringen ließ, es danach aber bitter bereute.

Es liest sich wie ein Krimi zwischen einem Narzisten und einer Empathin.

Es hatte mich so sehr mitgerissen, dass ich mich nach dem Lesen der letzten Worte gleichzeitig erfüllt und auch leer fühlte weil es leider zuende war und es nichts mehr zu lesen gab aber ich so voll mit diesen schönen Worten war.


Zun Glück hinterließ er uns noch viele weitere seiner Werke und so las ich als nächstes das Theaterstück Zaire. Ein Trauerspiel, dass mich ebenso sehr oder sogar noch mehr bewegt hatte weil es deutlich zeigt, wieviel Leid aufgrund von Religionsüberzeugungen verursacht wurden und leider immer noch werden.

Ist ja so ziemlich genau mein Thema als Sektenaussteigerin.. Voltaire.. ich danke Dir so sehr!


Ich höre immer Musik beim Lesen. Aktuell höre ich bevorzugt Musik aus den 20er Jahren, Klaviermusik aber auch andere (bevorzugt instrumentale) moderne und alte klassische Musik, auch viel aus dem Blues/Jazz/Swing-Bereich.

Ich liebe die Lebensfreude, die die Musik der 20er Jahre wiederspiegelt und wünsche mir für uns alle wieder mehr Leichtigkeit und Lebensfreude in unser aller Leben zurück.


Wieder mehr Romantik. Wieder mehr Kunst bzw. die Wertschätzung von der Kunst an sich und auch die Wertschätzung zur Kunst des Denkens.


Unsere Welt ist inzwischen so praktisch, quadratisch, grau, digital und hektisch geworden, dass ich mich wieder sehr danach sehne, analog zu leben.


Ich schaue mich bereits nach Plattenspielern, Schallplatten, Fotokameras usw. auf Kleinanzeigen um und habe vor, mein Leben nach und nach wieder analoger zu gestalten und zu genießen.

Ich glaubem wir haben das Genießen verlernt.

Wir haben es verlernt das Leben zu genießen.

Wir sind zu abhängig geworden von dem Ding das Tick Tack macht und jetzt nicht mehr an unserem Handgelenk klebt, sondern in unserer Hand.


Ich möchte mein Leben nicht so an mir vorbeiziehen lassen, indem ich mich täglich mit schlechten Nachrichten belade, mich hinterher vielleicht noch ärgere oder sorge oder mich einfach nur bedusel mit stumpfsinnigen Sachen, die mich eigentlich gar nicht interessieren.


Ich möchte stattdessen viel lieber mehr schöne Worte lesen, schöne Melodien hören, mir schöne Kunstwerke ansehen, selbst schöne Dinge schreiben und gestalten, und vor allem eine schöne Lebenszeit genießen und meinen Kindern eine schöne Zeit gestalten.

Ich bin nicht Super Mario. Ich habe keine drei Leben.

Ich habe nur eins.


Und dieses eine Leben reicht wahrscheinlich nicht einmal aus, um noch all das zu lesen, dass ich gerne noch lesen möchte. :) Ich bin dankbar, in was für einer wunderbaren Zeit ich lebe, in der ich die Möglichkeit habe, so viel Aufklärungsarbeit der alten Philosophen kostenlos lesen zu dürfen und dafür nicht verfolgt werde.


Jetzt werde ich mich mit meinem köstlichen Chai in meine Ecke krümeln und das Ende von Ödipus lesen bzw. g e n i e ß e n.

Meine Kater genießen es ebenfalls mir dabei zuzuhören, denn ich lese ihnen oft laut dabei vor ❤️


Ich wünsche Dir, Du -

der, oder die meine Worte gerade liest, eine wunderschöne Zeit, egal zu welcher Zeit du meine Worte liest.


Liebe Grüße

Sylvia Apfelschorle


P.S. Ich werde hier jetzt regelmäßiger Schreiben :-) Über Kommentare freue ich mich immer.

Anbei noch ein paar bunte Bilder von mir, vielleicht stelle ich demnächst auch noch ein paar Bilder von Leipzig ein.










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